Ruinen – 3D

Neulich erinnerte ich mich an das Stadtmodell von Hannover im Jahr 1945, das in der hannoverschen Rathaushalle ausgestellt ist und das mich als Kind sehr beeindruckt hat. Spätestens seit ich dieses Modell sah, war ich von Ruinen fasziniert.

Hannover 1945 (Modell Ausschnitt)

Warschau 1945

Im Nachhinein fiel mir eine deutliche Ähnlichkeit mit den 3D gedruckten Objekten, die ich in letzter Zeit hergestellt habe, auf.

Auch die Bilder der „Spinnennetze“ die nach dem Einsatz von Fiber-optic Drohnen im Ukraine Krieg entstanden, habe ich, unbewusst natürlich, in meinen Bildern vorweg genommen.
Hinzu kamen Mitte der Sechziger die Bilder aus der Tagesschau, die zeigten wie B52 Bomber ihre Fracht auf vietnamesische Städte wie Hanoi, Hue und Da Nang regnen liessen. Später folgten Faludscha, Beirut, Gaza, Mariopol und Bakhmut.
Ich frage mich: Woher kommt diese Faszination? Wieso sind zerstörte Gebäude oder ganze Landschaften faszinierend? Ist es nur Trauma Bewältigung oder gibt es weitere Erklärungen?

Ein Gespinst von feinen Glasfaserdrähten zur Drohnensteuerung überzieht die Ruinen in der Ost-Ukraine

Die Ambivalenz der Faszination für Ruinen entsteht aus dem gleichzeitigen Erleben von Anziehung (Erhabenheit, Erinnerung, Neugier) und Abstoßung (Gefühl von Verlust, Bedrohung, Ekel)

Grundstruktur der Ambivalenz

  • Gleichzeitige Gegenpole: Menschen können dieselbe Ruine als ästhetisch erhaben und zugleich als schmerzliche Erinnerung an Gewalt oder Verlust erleben. Dieses Nebeneinander widersprüchlicher Gefühle ist psychologisch als Ambivalenz beschrieben. 

  • Mehrere Ebenen des Erlebens: Wahrnehmung, Erinnerung und kulturelle Narrative wirken zusammen: das sinnliche Erleben (Form, Licht, Textur), die narrative Bedeutung (Geschichte, Opfer) und die soziale Rahmung (Musealisierung, Denkmalpolitik).

    Ästhetische Erklärung: Das Sublime und die Faszination
  • Sublimes Moment: Ruinen aktivieren das ästhetische Konzept des Sublimen — eine Mischung aus Ehrfurcht, Erschütterung und Grenzerfahrung, die sowohl anziehend als auch unangenehm ist. Theoretiker wie Burke und Kant haben das Sublime als „negatives Vergnügen“ beschrieben: es ist schmerzhaft-erhebend. 
Noch erkennbare Ordnungsstrukturen überlagert von unordentlichem Chaos bilden ein ästhetisch anregendes Spannungsfeld.
  • Zeitliche Tiefe: Ruinen vermitteln die Dimension großer Zeitspannen; diese „Zeitlichkeit“ erzeugt Ehrfurcht, weil sie die eigene Endlichkeit spürbar macht. Moderne Diskussionen erweitern das auf dynamische Kräfte wie Krieg oder Naturgewalt, die das Erhabene durch Gewalt konstituieren. 

    Psychologische Mechanismen
  • Nostalgie und melancholische Bindung: Ruinen können Sehnsucht nach verlorener Kontinuität wecken; sie sind materielle Anker für kollektive und persönliche Erinnerungen. Diese Nostalgie ist ambivalent, weil sie Trost , Trauer und die Hoffnung auf einen Neuanfang, eine „Wiedergeburt“, zugleich bietet. 

  • Trauma und Wiedererkennung: Bei gewaltsam entstandenen Ruinen (Krieg, Katastrophe) treten Erinnerungs- und Traumamechanismen in den Vordergrund: Bilder und Orte können retraumatisierend wirken, zugleich dienen sie als sichtbare Zeugnisse, die Verarbeitung und kollektive Narration ermöglichen.

  • Neugier und Explorationstrieb: Biologisch-psychologisch fördert Neugier das Erkunden des Unbekannten; Ruinen bieten sensorische Komplexität (Brüche, Texturen, Verstecke), die kognitive Belohnung auslöst, obwohl die Inhalte negativ besetzt sind. Es ist der buchstäbliche Bruch einer „in Stein gemeißelten“ Ordnung. 

    Soziale und kulturelle Verstärker
  • Rahmung durch Kultur: Musealisierung, Denkmalkultur und Medien bestimmen, ob Ruinen als Mahnmal, Touristenattraktion oder Tabu erscheinen; diese Rahmung moduliert die Ambivalenz.
  • Appel Charakter: Je nach historisch/politischem Narrativ kann es als Mahnmal zum Frieden oder als Aufruf zum Widerstand aufgefasst werden.


 

Vernarbte Landschaften. Bombentrichter, Schützengräben, Minenfelder

Stadt und Land – Organisches und menschliche Ordnung verschmelzen in der Zerstörung.

Aber Ruinen sind auch lehrreich, weil sie uns, ähnlich wie bei einem Skelett, die Anatomie eines Gebäudes oder einer Stadt besser verstehen lassen. Tiefer liegende Strukturen und Zusammenhänge werden durch Reduktion, ähnlich wie bei archäologischen Ausgrabungen, deutlicher.

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